Stephen King: Der Anschlag
DER ANSCHLAG von Stephen King ist eine sehr fesselnde Reise in die US-amerikanische Vergangenheit und eine spannende Auseinandersetzung mit dem fantastischen Thema Zeitreise.
Der Englischlehrer Jake Epping macht in seinem beschaulichen Ort mitten in Maine eine erstaunliche Entdeckung. Sein todkranker Freund Al zeigt ihm im Lagerraum seines Restaurant ein Zeitportal, durch das er in die Vergangenheit reisen kann – und zwar stets ins Jahr 1958. Jeder Besuch dauert, egal wie lang er ist, in der Gegenwart nur zwei Minuten, und bei der nächsten Zeitreise sind alle Ereignisse des vorangegangenen Besuches gelöscht. Al hat sich auf seinen Trips in die Geschichte in die Idee verbissen, das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern und versucht nun, auch Jake für den Plan zu begeistern. Nach anfänglichem Zögern willigt der schließlich ein, den mutmaßlichen Attentäter Lee Harvey Oswald kurz vor dem Anschlag im November 1963 in Dallas zu stoppen. Aber das fünf-Jahres-Vorhaben erfordert eine gründliche Vorbereitung. So versucht es Jake erst einmal mit einem Probedurchlauf und merkt schon bald, dass die Sache komplizierter ist, als gedacht – und dass sich Eingriffe in die Vergangenheit nicht immer zum Positiven auswirken. Doch der Plan steht fest, und so gibt es für Jake kein Zurück mehr von seiner Reise in eine neue Zukunft.
Was würde passieren, wenn man die Vergangenheit verändern könnte? Dieser immer wieder reizvollen Frage geht Stephen King in seinem neuen Buch „Der Anschlag“ nach. Und tatsächlich lässt sich darüber herrlich spekulieren: Wie sähe die Welt aus, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre? Gibt es eine Art Monokausalität der Entwicklung, die an zentralen geschichtlichen Ereignissen und Personen hängt, oder sind alle Geschehnisse auf der Erde miteinander verbunden, wie es die Chaostheorie postuliert? Kann, kurz gesagt, der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien am Ende einen Tornado in Texas auslösen? Im Mittelpunkt von Stephen Kings komplexer, auf über 1000 Seiten inszenierter Geschichte steht der aufrichtige Englischlehrer Jake Epping, der unversehens die Möglichkeit erhält, den Anschlag auf den charismatischen US-Präsidenten John F. Kennedy zu verhindern und so für eine bessere Welt zu kämpfen – indem zum Beispiel die Ausweitung des grausamen Vietnam-Krieges gestoppt wird. „Der Anschlag“ ist aber auch ein Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft in den konservativ geprägten, späten 50er Jahren, in denen endlos wachsender Konsum und die ersten Vorboten des Aufbruchs in den „Sixties“ – symbolisiert durch die Wahl des liberalen demokratischen Präsenten John F. Kennedy – den Amerikanern eine unbeschwerte Zukunft versprachen. Stephen King bestätigt damit einen aktuellen Trend in der amerikanischen Populärkultur, zu dem auch unbedingt die preisgekrönten TV-Serie „Mad Man“ gehört. Unschwer lassen sich Brückenschläge zur aktuellen Situation finden, die Amerika am anderen Ende dieser Epoche zeigt: niedergedrückt von einer schweren Rezession und regiert von einem mit vielen Hoffnungen gestarteten, aber in der Wirklichkeit strauchelnden Präsidenten Obama. Wie in vielen seiner anderen Romane gibt es auch in „Der Anschlag“ jede Menge kleiner Nebenstorys. So trifft Jake Epping in der Stadt Derry einige Figuren aus Kings Bestseller „Es“. Mit seiner epischen Länge von 1000 Seiten hat „ Der Anschlag“ zwar ein paar Längen, aber trotzdem ist der Roman eine sehr fesselnde Reise in die US-amerikanische Vergangenheit und eine spannende Auseinandersetzung mit dem fantastischen Thema Zeitreise: was wäre, wenn alles anders gewesen wäre - und was wird sein, wenn wir heute alles ändern?
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, "Carrie", erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.
Rezension von Silke Schröder
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